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Modellgestützte Versuchsplanung und Optimierung in ihrer Anwendung Autoren: Prof. Dr. Andreas Orth, Dipl.-Ing. Dipl.-Ing. Dirk Wenzel
1. Einleitung: |
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Da viele sich scheuen die Hürde des Neuen zu überspringen, soll dieser Leitfaden (die Vollversion ist demnächst bei der Umesoft GmbH zu erwerben) an praxisnahen Beispielen eine Hilfestellung geben, um diese und jene Bedenken zu zerstreuen. Es soll gezeigt werden, daß die modellgestützte Versuchsplanung und Optimierung nicht eine Hobbydisziplin von Mathematikern und Informatikern ist, sondern eine ernstzunehmende Verbesserung der Qualität von Produkten und Prozessen, durch die Optimierung von Entwicklungs- und Fertigungsprozessen, mit sich bringt. Für den Anwender soll nicht die mathematische Herleitung der Methoden, sondern ihre Anwendung und Interpretation im Vordergrund stehen. In Weiterbildungsseminaren kann man bei der
1.1 Vom Produktgedanken über den optimierten Prozeß zum lebensfähigen
Produkt Das Projektziel jeder Produktentwicklung ist es, ein Produkt zu kreieren,
welches sich auf dem Markt gegen Mitbewerber behaupten kann und somit Gewinne erzielt. Das Produkt soll also bestmögliche Qualität haben und möglichst rationell produziert werden können. Es besteht also an mindestens zwei Stellen
im Entstehungsprozeß eines Produkts optimierungs- und somit Experimentierbedarf. Denn für die effiziente Optimierung benötigt man hochwertige Informationen, die nur aus wohlgeplanten und durchdachten Versuchen gewonnen werden
können. In Abb.1 ist der Werdegang einer Produktentstehung sowie die verschiedenen Qualitätsaspekte dargestellt. Aus der Produktidee des Auftraggebers (Auftraggeber kann ein externer Kunde oder das eigene Unternehmen
sein, welches auf Grund einer Markterhebung ein Verkaufspotential sieht) ergeben sich konkrete Produkt- und Qualitätsanforderungen, mit denen sich das Unternehmen auseinandersetzen muß. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden,
muß man Informationen über den Werdegang des Produkts bekommen, um gezielt zu entwickeln und effizient zu produzieren um somit den Kunden zufriedenzustellen. Man überlegt sich bei Entwicklung und Produktion, welche
Gegebenheiten des Prozesses vorhanden sind und welchen Einfluß diese auf das Endprodukt haben. Um effektiv Informationen zu gewinnen, bedient man sich mitunter statistisch mathematischer Verfahren wie modellgestützter
Versuchsplanung und Optimierung, die durch eine zielorientierte Vorgehensweise mit wenig Aufwand einen hohen Informationsgewinn bringen. |
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Abb.1: Stufen einer Produktidee bis hin zum marktreifen Produkt. |
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Man kann jetzt entweder den Auftrag trotzdem annehmen und glauben (der Glaube versetzt ja bekanntlich Berge, nur in welche Richtung?) bzw. hoffen den Prozeß in den Griff zu kriegen, mit der Gefahr, die Anforderungen nicht zu erfüllen, oder aber man kann auf die sichere Seite gehen und den Auftrag ablehnen. Als Lösung kann einem hier die modellgestützte Versuchsplanung und Optimierung unter die Arme greifen. Man hat damit ein mächtiges Hilfsmittel mit Methodenwerkzeugen in der Hand, welches mit einer geringen Anzahl von Versuchen trotzdem einen hohen Informationsgehalt liefert, d.h. es werden am Ende, abhängig von der jeweiligen Zielsetzung, ein optimales Prozeßverhalten und optimale Produkteigenschaften erzielt. |
Abb.7 Grundsätzliche Gegebenheiten des Prozesses.
2.2.1 Einflußgrößen und -merkmale Was sind Einflußgrößen und welche Rolle spielen Sie? |
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Abb.8 Einstufung der Einflußfaktoren.
Die
Werte der Zielgrößen die im Versuch ermittelt werden, sind abhängig von der Einstellung bestimmter Einflußgrößen, -merkmale bzw. -parameter (in der Regelungstechnik Stell- und Störgrößen genannt). Die Schwindung des Formteils beim
Kunststoffspritzen kann z.B. von den Einflüssen Druck, Formtemperatur, Formvolumen, Viskosität der Spritzmasse, geometrische Gestaltung der Form, uvm. abhängen. Diese Einflußgrößen können wiederum untereinander abhängig sein. Die
Viskosität der Spritzmasse hängt bekanntlich wiederum von der Temperatur der Kunststoffmasse und der Formtemperatur ab, man spricht deshalb auch von Wechselwirkungen (engl.: interaction).
Einflußgrößen können verschiedenen Ursprungs sein. So gibt es Prozess- bzw. Verfahrensparameter wie Temperatur, Drehzahl, etc., Geometrieparameter wie Längen, Volumen, etc., Stoffparameter
wie Viskosität, Konzentrationen, etc., chemische Parameter wie Typ und Menge der eingesetzten Stoffe oder speziell bei der Modellierung und Optimierung von Mischungen die Anteile oder Verhältnisse
der verschiedenen Komponenten. Einflußgrößen und -merkmale werden in der modellgestützten Versuchsplanung als Faktoren bezeichnet, meßbare Größen als quantitative Faktoren (engl.: quantitative-factors
) und diskrete Merkmale als qualitative Faktoren (engl.: qualitative-factors). Quantitative Faktoren sind eindeutig mit einem Zahlenwert darstellbar und können auch eine Maßeinheit beinhalten (z.B. Templow=45°C,
Temphigh=120°C), qualitative Faktoren werden durch ihre Merkmale bezeichnet (z.B. Granulat 1, Granulat 2). Man teilt die Faktoren grundsätzlich in kontrollierbare und nicht kontrollierbare Faktoren auf (Abb.
8). Kontrollierbare Faktoren (engl.: controlled-factors) kann der Prozeßbetreiber in gewissen Bereichen einstellen, also entweder systematisch variieren oder auch annähernd konstant halten. Unangenehmerweise beeinflussen
auch potentielle Störgrößen, als nicht kontrollierbare Faktoren bezeichnet, das Prozeßverhalten (engl.: uncontrolled-factors). Auf diese hat der Prozeßbetreiber meist keinen direkten Einfluß. Ein Beispiel hierfür wäre z.B.
die Verschlechterung der Oberflächenqualität des Formteils nach vielen Spritz-Zyklen durch Oberflächenabnutzung in der Form, denn dies beeinflußt die Standzeit der Form. Die nicht kontrollierbaren Faktoren sind manchmal meßbar, so
daß auch ihr Einfluß prinzipiell quantifiziert werden kann, oder aber sie sind nicht meßbar. Da sie auch einen zeitlich abhängigen Einfluß (Trend) auf die Meßwerte bzw. Zielgrößen ausüben können, muß man sich Möglichkeiten
überlegen, um diese trotzdem zur Versuchsauswertung mit einzubeziehen. Hierfür gibt es Maßnahmen wie die Randomisierung der Versuchsreihenfolge, die gezielte Wiederholung einiger Versuche oder eines ganzen Versuchsplans und die
geschickte Bildung von Versuchsblöcken. Nur mit solchen Maßnahmen kann verhindert werden, daß unkontrollierte, nicht meßbare Störeinflüsse eine systematische Verfälschung der Auswertungsergebnisse bewirken. Für die
kontrollierbaren quantitativen Faktoren werden Einstellbereiche festgelegt und für die qualitativen Faktoren werden ihre möglichen Ausprägungen definiert. Die "Versuchsplanung" benötigt vom Anwender vernünftige
Einstellbereiche für die quantitativen Faktoren und wird diese nach statistischen Kriterien in den einzelnen Experimenten durchvariieren. Aber Vorsicht:
Bei der Versuchsplanerstellung kann es bei zu kleinen Einstellbereichen vorkommen, daß vorhandene Einflüsse unerkannt bleiben, zu große Bereiche bedeuten dagegen untypisches Prozeßverhalten und Ausreißer in den Meßergebnissen, die das Gesamtversuchsergebnis verschlechtern.
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Tab.1: Einflußgrößen und Maßnahmen.
2.2.2 Wechselwirkungen, Nichtlinearitäten und die natürliche Zufallsstreuung Im einfachsten Fall sind die Zusammenhänge zwischen Einflußgrößen und Zielgrößen linearer Natur. Dies bedeutet, Veränderungen in den Einflußgrößen bewirken reproduzierbare, gleichbleibende Veränderungen in den Zielgrößen (gemäß dem Dreisatz - Verhältnisbildung). Oft genügt die Beschreibung von Prozessen mit linearen Modellen nicht! Oft gibt es relevante und signifikante (also reproduzierbare) Abweichungen vom linearen Verhalten, wie Wechselwirkungen und Nichtlinearitäten.
Wechselwirkungen zwischen Einflußfaktoren
Dies bedeutet, daß die Wirkung einer Einflußgröße von der Einstellung einer oder mehrerer anderer Einflußgrößen abhängt. Für den Versuchsplan bedeutet dies, es muß bei mehreren Einstellungen des einen Faktors
(typischerweise 2) der andere Faktor variiert werden.
Nichtlinearitäten in den Einflußfaktoren Dies bedeutet, daß die Wirkung einer Einflußgröße von der eigenen Einstellung abhängt. Für den Versuchsplan bedeutet dies, es gibt nicht nur ein unteres und oberes Niveau
des Einstellbereichs, sondern ein oder mehrere Zwischenniveaus. Bem. (für Fortgeschrittene):
Die hier angesprochenen Nichtlinearitäten sind lediglich Nichtlinearitäten in den Einflußfaktoren, die im Modell in der Regel über quadratische oder gemischt-kubische Terme abgebildet werden. Es handelt sich nicht um Nichtlinearitäten in den Modellkoeffizienten, wie z.B. im Modell
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in dem a und b zu bestimmen sind.
Schätzung der natürlichen Streuung Noch ein wichtiger Punkt ist die Schätzung der natürlichen Streuung von Meßwerten durch Wiederholversuche, wenn bei gleichen Einstellungen der Faktoren das Ergebnis
der Meßwerte schwankt (Standardabweichung vom Mittelwert). Über die Bedeutung dieser Einflüsse für das Prozeßverhalten muß man sich im Klaren sein. Man kann durch Wiederholversuche am gleichen Meßpunkt feststellen, wie
reproduzierbar oder labil die Messungen sind und dementsprechend die Zuverlässigkeit dieser Aussagen im Versuchsplan berücksichtigen durch z.B. Gewichtungen (engl.: BLUE-Weights, Best Linear Unbiased E
stimator-Weights) oder Transformationen der Zielgrößenwerte. |
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Abb.9 Wirkung der Gegebenheiten auf den Prozeß.
2.3 Versuchsplanerstellung und Versuchsdurchführung Ist die Analyse der Ausgangssituation nun zuversichtlich abgeschlossen und eine Überarbeitung des Pflichtenhefts vorerst nicht mehr notwendig, so wird ein geeigneter Versuchsplan erstellt und die Versuche werden
streng nach Versuchsplan durchgeführt. Größe und Struktur des Versuchsplans hängen von der Gesamtheit der vorher angesprochenen Dinge ab, also Zielsetzung, Faktorenanzahl, Komplexität der Zusammenhänge (Wechselwirkungen /
Nichtlinearitäten) und Abhängigkeit von Störeinflüssen. Die protokollierten Versuchsergebnisse werden am besten mit Hilfe eines Software-Programms ausgewertet, um die entsprechenden Ergebnisse zur Auswertung, Darstellung und
Prozeß-Optimierung zu erhalten.
Achtung bei der Computergestützten Versuchsplanerstellung und Auswertung: Der Computer denkt nicht für den Anwender, sondern führt nur Berechnungen nach den erhaltenen Eingaben aus. Diese Aussage soll darauf hinweisen, daß das sinnvolle
Setzen der Meßpunkte für den Versuchsplan einem nicht das Softwareprogramm abnimmt, sondern es auf die Versiertheit und Erfahrung des Anwenders ankommt, für die eindeutige Zielsetzung geeignete Einstellungen der Versuche zu
definieren und daraus die benötigten Meßwerte bzw. Zielgrößen zu erhalten. Berücksichtigt man zu wenig Faktoren den Prozeß betreffend, können wichtige Informationen fehlen. Andersherum kann bei zu vielen Faktoren
die Sache sehr komplex und teuer werden. Man versucht also den Versuchsplan zu minimieren und durch einige gezielt ausgewählte Wiederholversuche reproduzierbare Ergebnisse zu erhalten.
2.4 Analogie-Beispiel Man
kann das Experimentieren mit dem Fliegen vergleichen. Die klassische Arbeitsweise des sequentiellen Planens und Vergleichens von einzelnen Experimenten entspricht dem Fliegen mit einem Sportflugzeug auf Sicht. Die
Verwendung der Methoden der Versuchsplanung und -auswertung entspricht dem Fliegen eines kommerziellen Passagierflugzeuges mit modernem Instrumenten-Panel. Die einzelnen versuchsplanerischen Werkzeuge und statistischen Verfahren
entsprechen den Instrumenten und Bedienungselementen im Flugzeug. Der Sportflieger wird in einem Verkehrsflugzeug zunächst Schwierigkeiten haben, die komplexen Anzeigen und verschiedenen Bedienungsmöglichkeiten zu
verstehen, und sich unwohl fühlen, aber wenn er sich eingearbeitet hat, wird er in der Lage sein, genau so sicher zu fliegen wie mit dem Sportflugzeug. Und mehr:
Er wird auch bei schlechten Bedingungen, bei Nacht, bei Nebel, bei Regen und auf schwierigen Pisten starten und landen können und sich unabhängig machen von unvorhersehbaren Störungen. Genauso wird ein Entwickler
in einer Forschungsabteilung, der mit den Methoden der Versuchsplanung nicht vertraut ist, zuerst die "Anzeigen" und "Bedienelemente" erlernen müssen, bevor er mit ihnen sicher umgehen kann, um dann auch bei
einem schwierigen vielparametrigen Optimierungsproblem die Übersicht zu behalten.
Das Beispiel soll zeigen, daß sich die Mühe lohnt, die Methoden zu erlernen, die Planung von Versuchen zu systematisieren und die statistischen und multivariaten Auswertungsverfahren zu verwenden.
Überlegen Sie doch einmal, ob die folgenden Aspekte zu den Anfangs gestellten Fragen auf Sie zutreffen: |
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Man kann zusammenfassend sagen: |
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Abb.10: Stärken der Modellgestützten Versuchsplanung und Optimierung. |
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